Sonnenblumen

Das Original dieses Bildes hängt in Franz Stocks Elternhaus, das 1998 in Form einer Stiftung als „Gedenkstätte und Begegnungszentrum Franz Stock" eingerichtet worden ist. Franz Stock hat das Bild 1946 als Regens (Leiter) im „Séminaire des barbelés" („Stacheldrahtseminar") in Le Coudray bei Chartres in Öl auf Leinwand gemalt. Es hat das Format 56 x 48 cm, gerahmt 61 x 53 cm, und ist von ihm unten rechts mit „Stock 46" signiert worden. In einem Brief von Ende Juli 1946 an seine Schwester Franziska betont er: „Gerade habe ich einige Sonnenblumen gemalt."

Sonnenblumenbild

Auf den ersten Blick wirkt dieses Bild unscheinbar und könnte als ein gängiges Blumenbild, als ein Stillleben bezeichnet werden. Aber es besitzt bei näherer Betrachtung eine politisch-philosophisch-religiöse Tiefendimension.

Zunächst fällt auf, dass die Komposition des Bildes von einem Drinnen und einem Draußen bestimmt wird, wobei beide durch ein Unten und Oben verstärkt werden.

Man blickt von innen aus einem geöffneten Fenster in die Ferne, ein in der Kunst häufig anzutreffendes Symbol des Strebens nach Freiheit. Denken wir daran, dass Franz Stock 1946 rechtlich Kriegsgefangener war und jetzt nicht mehr den Freiheitsspielraum besaß, den er seit seiner Jugend- und Studentenzeit und besonders später seit 1934 ausschöpfte, als er ohne Beschränkungen durch Frankreich reisen und die vielfältige Kultur dieses Landes genießen konnte. Daher drückt unter diesem Aspekt sein Gemälde in erster Linie seine Hoffnung auf Freiheit aus, vielmehr aber noch die Sehnsucht seiner kriegsgefangenen Seminaristen, bald in ihre Heimat zurückkehren zu können, die sie teilweise seit einigen Jahren nicht mehr gesehen haben.

Das kompakte Unten im Drinnen, die Fensterbank, ist als ein Stillleben mit den Attributen von Vergangenheit und Vergänglichkeit gestaltet. Die drei geschlossenen großen Bücher am linken Bildrand und daneben die erloschene kleine Kerze auf dem überdimensionierten Kerzenhalter gelten in der Kunstbetrachtung als Symbole dafür, dass von ihnen keine Kraft mehr zur Erkenntnis und Erhellung der Welt ausgeht. Sie haben ihre Reife erlangt analog der beiden abgeernteten Äpfel am rechten Bildrand, so dass hier eine Atmosphäre von Herbst erzeugt wird, die mit „nature morte" charakterisiert werden kann.

Dagegen streben mit Macht und voller Kraft die mächtigen Sonnenblumen quasi in das Zentrum des Bildes und damit in das Blickfeld des Betrachters. Dieses Motiv füllt den gesamten oberen und auch größeren Teil des Bildes aus. Die Sonnenblumen scheinen aus dem Nichts emporzuschießen; sie suggerieren eine üppige Gartenszene vor dem Fenster, von wo aus sie sich kraftvoll aus dem Boden nach oben recken. Es handelt sich also um keine „nature morte", sondern um pralles, saftiges Leben in höchster Vollendung, strahlend und schön wie „tausend Sonnen" vor einem großen Himmel. Es ist die Welt draußen, einschließlich der horizontalen Abgrenzung durch Berge und Wald im unteren Drittel des Bildes. Der Blick des Betrachters wird somit von innen nach außen geleitet, über das Dach eines niedrigen Nachbarhauses, das menschliche Nähe vermuten lässt, hinweg geradewegs in den Sonnenhimmel hinein.

Für Franz Stock besaß die Sonne schon seit seiner frühesten Jugendzeit eine hohe Symbolkraft, hatte er sich doch schon als Schüler der katholischen Jugendorganisation „Quickborn" (das heißt „lebendiger Quell") angeschlossen, die ihre geistig-geistliche Orientierung im Leitbild der aufgehenden Sonne mit dem Kreuz sah, ein Zeichen, das unübersehbar von Franz Stock an einem Fenster der Katholischen Deutschen Gemeinde in Paris in der Rue Lhomond angebracht war, wo er seit 1934 als Rektor/Seelsorger wirkte. Im Jahre 1946, nach der Hölle des Krieges und in der Not der Gefangenschaft, malt Franz Stock nun dieses Bild der alles überragenden Sonne, ein Bild von hoher christlicher Symbolkraft. Zwei deutsche Lieder aus dem 16. Jahrhundert, die zum Standard-Liedgut der katholischen Jugendbewegung seit 1900 gehörten, die man aber nur mit größter Vorsicht während der Nazi-Diktatur in Deutschland und während der deutschen Besetzung Frankreichs in Paris singen konnte, mögen Franz Stock bei der Konzeption des Bildes vermutlich vor Augen gestanden haben:

Die güldene Sonne
bringt Leben und Wonne,
die Finsternis weicht...

Der Anfang des anderen Liedes, das auch im katholischen Gesangbuch „Gotteslob" zu finden ist, lautet:

Sonne der Gerechtigkeit,
gehe auf zu unsrer Zeit;
brich in deiner Kirche an,
dass die Welt es sehen kann.
Erbarm dich, Herr.

So drückt Franz Stock in diesem Sonnenblumen-Bild trotz aller Not und Wirrnis der Zeit seine Hoffnung und Zuversicht aus, dass es in der Zukunft eine Welt der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Menschenwürde, der Brüderlichkeit, des Friedens geben wird, wie es in den Strophen der beiden Lieder deutlich zum Ausdruck kommt, wenn man sich von den Mächten der Finsternis befreit und sich Christus, der wahren Sonne des Lebens zuwendet, ein Sinnbild, das er uns als Christ und Priester anbietet.

Birgit Kleymann
Horst Leise

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